Der wahrscheinlich beste Kaffee der Welt

In Salento, im Herzen der Kaffeezone, erholten wir uns einige Tage von den Erlebnissen der letzten Wochen und saßen ein paar Regentage aus. Am Ende wollten wir dann doch nicht weiterziehen, ohne eine weitere Kaffeeplantage zu besichtigen (wir hatten schon im Norden bei Minca die Finca La Victoria besucht). Max fragte nach, wo man denn etwas anderes als den touristischen Sch* finden könnte und uns wurde das “Reserva Natural Sachamama” empfohlen. Ohne genaue Vorstellungen davon sind wir die Schotterpiste tiefer in die Berge hinein gefahren und wurden am Eingangstor von Pedro erwartet. Einem kurzen Blick auf die Breite des Bremachs und die Weite des Eingangstors folgte die Einschätzung, dass wir schon durchpassen würden. Nach zwei oder drei erfolglosen Versuchen rückwärts rein und die erdige Einfahrt hochzukommen, mussten wir etwas weiter den Berg hoch wenden und es nochmal vorwärts versuchen. Durch die Pfosten kamen wir schnell, aber dann waren die Reifen mit Matsch voll und trotz doppelter Untersetzung, Allrad und Differentialsperre kam der Bremach die steile Einfahrt nicht hoch. Pedro versuchte schließlich uns mit seinem Fahrzeug raufzuziehen, ebenfalls vergebens. Auf der Piste war kein Platz zu parken, also versuchte es Max hochkonzentriert weiter, konnte jedoch nicht vermeiden, dass wir immer wieder etwas abrutschten, dabei einmal mit der Kabine den einen Holzpfosten des Eingangstors niedermähten und andere Male mit der Kabine am Stacheldraht entlang schabten. Carla kamen schon die Tränen, dass unser Bremach nun ordentliche Macken bekommen hatte – war der Besuch hier wirklich den ganzen Ärger wert? Zu dem Zeitpunkt ahnten wir noch nicht, dass unsere Zeit hier einen besonderen Platz in unserem Herzen einnehmen würde und die Spuren im Bremach uns schnell egal sein würden. Am Ende half viel Anlauf, Sandbleche und frischer Sand, den Pedro auf die kritischste Passage gestreut hatte. Endlich angekommen.

Mit Blick auf die wunderschönen grünen Berge und verschiedenste Vögel, die sich an den ausgelegten Kochbananen satt aßen, saßen wir bald entspannt bei Pedro und Marta im offenen Dachgeschoss ihres kleinen und einfachen Häuschens. Dann machten wir einen kleinen Spaziergang durch Pedro und Martas kleines Anwesen, das sie vor 14 Jahren gekauft hatten und wieder aufforsten. Es war wie das umgebende Land zur Viehzucht verwendet worden, nachdem der explodierende Kaffeeanbau weltweit zu einer Überproduktion führte, die in einer Kaffeekrise endete. Die Kaffeepflanzen, die auf Pedro und Martas Anwesen wachsen, sind schon über 100 Jahre alt und befinden sich nun wieder ganz natürlich inmitten des Regenwaldes, der sich erstaunlich schnell regeneriert hat. Pedro kümmert sich mit voller Überzeugung und, zu Recht, Stolz um sein kleines Stück Regenwald. Dank Pedros schöner Aussprache und unserer inzwischen viel besseren Spanischkenntnisse lernten wir erstaunliches über die Pflanzen, die dort wachsen und auch über den Kaffeeanbau in Kolumbien. Wer hätte gedacht, dass die meisten Plantagen in Kolumbien gentechnisch veränderte Pflanzen verwenden? Diese Pflanzen wachsen in einem Jahr so hoch wie natürlicher Kaffee in fünf Jahren und werden nach zehn Jahren entsorgt, weil sie kaum noch Bohnen tragen. Auf großen Kaffeeplantagen werden spezielle Mittel gespritzt, damit die Bohnen alle gleichzeitig einmal im Jahr reif werden, was die Ernte deutlich vereinfacht. Biologischer Kaffee darf 30% nicht-biologisch angebauten Kaffee enthalten und trotzdem so genannt werden. Das führte zu intensiven Überlegungen unsererseits, was denn nun wirklich biologischer und nachhaltiger Anbau ist. Mit Marta und Pedro führten wir alsbald tiefgreifende Gespräche über die heutige Nahrungsmittelversorgung und Ernährung weltweit.

Im Reserva Natural Sachamama wächst echter Wildkaffee. Nachdem wir zum ersten Mal die Pflanzen in ihrem natürlichen Habitat gesehen hatten, durften wir die roten Bohnen durch die Presse jagen, um sie zu schälen. Die rohen Bohnen werden fermentiert und müssen dann einige Tage trocknen und liegen hier in schönen Holzkisten in der Sonne und nicht wie sonst oft gesehen am Straßenrand auf dem warmen Asphalt. Wir nahmen einige trockene Bohnen zu einem kleinen Häuschen weiter oben welches, im Gegensatz zu Marta und Pedros Haus, an das Elektrizitätsnetz angeschlossen ist. Dort wurden die Bohnen erst geschält, wodurch man die sogenannten grünen Bohnen erhält. Diese werden dann geröstet und im frischen Wind vor der Tür abgekühlt. Wir – und vor allem die Kinder – durften bei jedem Schritt helfen. Carla mahlte schließlich einige Kaffeebohnen und Pedro bereitete daraus den frischesten Kaffee zu, den wir jemals getrunken haben. Sogar die Kinder durften probieren. In Kolumbien ist es ganz üblich, dass Kinder Kaffee trinken und wir haben an dem Tag eine Ausnahme gemacht, da die Kinder den ganzen Prozess von der Pflanze bis zum Brühen mitverfolgt haben und wir ihnen für die Gesamterfahrung eine Probe des Endproduktes gönnen wollten. Sie waren natürlich restlos begeistert, das „Erwachsenengetränk“ kosten zu dürfen. Am Ende halfen wir noch, die Bohnen in Vakuumbeutel zu verpacken und mit Etiketten zu versehen. Vier von den Beuteln wanderten gleich in unseren Bremach. An so natürlichen und frischen Kaffee mit eigener Mitwirkung bei der Verarbeitung kommen wir bestimmt nie wieder ran. Und wir fragten uns, was wohl der Wildkaffee ist, der in Deutschland bei Tchibo verkauft wird. Pedro darf seinen Kaffee nicht ins Ausland verkaufen, da in Kolumbien nur wenige Großunternehmen dazu lizensiert sind, den Kaffee zu exportieren. Üblicherweise werden die grünen Bohnen ins Ausland verkauft und dann am Bestimmungsort geröstet.

Den Rest des Tages verbrachten wir zusammen und tranken Kaffee, führten gute Gespräche und beobachteten Vögel. Marta hatte uns schon mittags hervorragend bekocht und bereitete uns auch ein leckeres Abendessen zu. Die beiden sind überzeugte Anhänger der slow food Bewegung. Wir fühlten uns die ganze Zeit über wie zu Besuch bei guten Freunden und überhaupt nicht wie Touristen. Unser Besuch des Reserva Natural Sachamama war eine wundervolle Erfahrung in einer wunderschönen Umgebung. Und ich habe so viel Kaffee wie schon lange nicht mehr getrunken. Nach einer ruhigen und dunklen Nacht inmitten der kolumbianischen Berge verabschiedeten wir uns mit gestärktem Leib und gestärkter Seele von der lieben Familie. Es täte der Welt gut, wenn es mehr Menschen gäbe, die nicht nur so denken, sondern auch handeln wie Marta und Pedro.

One Thought on “Der wahrscheinlich beste Kaffee der Welt

  1. Espectaculares fotos y muy lindas palabras para describir nuestro estilo de vida. Que el viaje continúe lleno de momentos felices es nuestro mayor deseo.
    Un abrazo
    La Sacha Mama Family
    Sara, Juana, Mar y Pedro

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