Ein Tag, zwei Grenzen, drei Länder

Völlig entspannt entglitten wir früh morgens dem feinen salvadorianischen Sandstrand und fuhren zum ersten Mal auf der „Caratera Interamericana“ gen Süden. Uns zog es nicht nach Honduras, da es jedoch auf dem Weg liegt, blieb uns die Durchfahrt nicht erspart. Die Grenzen genießen bei Reisenden einen teils zweifelhaften Ruf, zahlreiche selbsternannte Führer und Helfer sowie außergewöhnlich entspannte Grenzbeamte lassen einem genug Zeit, die Besonderheiten der jeweiligen Grenzübertritte in aller Ruhe genießen zu können. Als kleine Zugabe lauern in Honduras entlang der Panamerikana angeblich auch noch „hungrige und durstige“ Polizisten. Weil es für uns tatsächlich so war könnt ihr nun alles in aller Ruhe – mit viel Zeit – lesen und ein wenig schmunzeln.

Kurz nach acht am Morgen erreichten wir den El Salvadorianischen Zoll in El Amatillo. Ich wurde sofort von vier hilfsbereiten Herren bestürmt, alle hatten sie wichtig aussehende Ausweise und alle erklärten mir, dass der Grenzübertritt ohne ihre Hilfe nicht möglich sei. Meine Antwort, ich würde hier bereits zum zweiten Mal durchreisen, brachte sie leicht aus dem Konzept. Blieb für sie als Trost, dass es ja noch früh am Morgen war und der Tag gerade erst begonnen hatte. An den mittelamerikanischen Grenzen wird man mit einem ziemlichen Papierkrieg konfrontiert und so haben es findige Leute als eigenen Geschäftszweig erkannt, überforderten Touristen zu Hilfe zu eilen. Meist verzögern diese aber nur den Verlauf, da ja zusätzlich zu den langwierigen Grenzgeschäften auch noch stundenlang die Entlohnung des Helfers verhandelt werden muss.

Das Abmelden des Autos aus El Salvador war denn auch eine Kleinigkeit und es ging weiter, nach einigen Kilometern kam der Stopp bei der Einwanderungsbehörde: lang in der langen Schlange angestanden, die ganze Familie am Schalter vorgestellt, schnell den Ausreisestempel bekommen und raus waren wir. Nun ging es über eine Brücke an den rauchverhangenen  Grenzübertritt (es wurde gerade überall Frühstück gegrillt) nach Honduras. Im völligen Verkehrschaos kam ein Zollbeamter und meinte, dass ich ihm unsere Fahrzeugpapiere samt Kopien geben soll. Gemacht, getan und ab zur Einwanderungsstelle. Aber halt, so einfach kamen wir nicht davon. Mittlerweile fiel dem guten Herr vom Autoschalter auf, dass er mich anwies, mitten auf dem Highway zu parken. Praktisch, dass da ein Stau war. Unpraktisch, wenn sich der Stau auflöst und dann immer noch ein großes Auto im Weg steht. Also erstmal umparken, ein paar Meter weiter vorne gab es tatsächlich so etwas wie einen Parkplatz. Dass dieser dann auch nicht so gut war kam einem anderen Beamten in den Sinn und etwas später durfte ich nochmal umparken. Aber wir haben ja Zeit und unsere Kinder waren noch gut drauf. Zur Imigracion durfte ich alleine und nach Ausfüllen eines Formulars in US-Manier (haben wir wirklich keine Bombe dabei?) und netten 3US$ pro Pass waren wir zumindest mal als Personen in Honduras eingereist. Musste noch das Auto abgefertigt werden. Der Herr am Zoll war sehr nett, er begrüßte mich mit einem überschwänglichen „Good morning, how are you amigo? Un momento, have a seat, hohoho!“. Blöd nur, dass weit und breit kein Stuhl war. In aller Ruhe füllte er die nötigen Papiere aus und schickte mich dann in den Copyshop um diverse abgestempelte Formulare kopieren zu lassen – und zur Bank, schließlich musste ich 683 Lempiras (ca. 30€) Abfertigungsgebühr zahlen. Da wir bis dato keine Lempiras hatten und die Bank keine Dollars akzeptiert, wechselte ich bei einem vertrauensvoll wirkenden Mann mit Cowboyhut, Sonnenbrille und Machete sowie einen mindesten zehn Zentimeter dicken Geldbündel in der Hand 50US$ zu einem überraschend guten Kurs. Na gut, ich ließ ihn erstmal stehen um bei seinem Kollegen nebenan nachzufragen – der hatte statt Machete diverse dicke Goldketten um den Hals. Nach weiteren seelenruhigen Minuten beim netten Herrn von vorher war plötzlich alles vorbei und ich durfte sogar gratis sein WC benutzen. Drei Stunden nach unserem Start bei den motivierten Helfern (ich vergaß, ich war im weiteren Verlauf ständig von Helfern begleitet, die mir versuchten klarzumachen, dass mein Unterfangen, alles selbst zu erledigen, völlig verrückt sei) durften wir also nach Honduras einreisen.

Juhuu, jetzt waren wir gespannt, was uns bevorstand. Stimmte das Gerücht mit den vielen Polizeikontrollen? Wir fingen mal eine Strichliste an. Die ersten drei Kontrollen waren harmlos, wir wurden durchgewinkt. Es war ja auch gerade Mittagszeit, sicherlich kein Nachteil. Nur bei Kontrolle Nummer vier fehlte es offensichtlich noch am nötigen Kleingeld für Mittagessen. Wir wurden angehalten und freudig begrüßt. Ah, Alemania, bonita familia und so weiter. Nach einigen Minuten meinte der in der Tat wirklich nette Polizist plötzlich, dass es ja bald Mittagessen gäbe – und kratze sich recht offensichtlich an der Hosentasche. Ich fand das blöd und bot ihm kaltes Bier aus El Salvador an. Aber er hatte Hunger und wollte Dollars, nur hatte ich in diesem Moment völlig vergessen, dass wir diese hatten. Also bot ich ihm Lempiras an, unwissend des Wechselkurses (dumm stellen hilft) und fragte, ob er mit fünf (ca. 0,2€) etwas anfangen könnte. Wir hatten schon eine Weile den Motor aus und er hatte es plötzlich eilig, es standen ja auch noch andere Autos hinter uns. Er nahm den Schein und winkte uns schnell weiter. Die folgenden Kontrollen waren alle verlassen, hier war wohl schon genug für die Mittagspause gesammelt worden.

Entlang der müllgesäumten Straße ging es durch schwach strukturiertes Gebiet auf dem schlaglochübersäten Highway weiter und die einheimischen Autofahrer hatten es allem Anschein nach immer eilig oder so uneilig, dass sie nur Schrittgeschwindigkeit fuhren. Überholen, abdrängen, ausbremsen scheinen normal zu sein und gebremst wird nur, wenn die Schlaglöcher Wagengröße erreichen und Bombentrichtern ähnlich sehen. Die Fahrt durch Honduras war anstrengend und heiß, nicht nur wegen der tropischen Sonne, die unerbittlich vom Himmel brannte. Nach nur zwei Stunden war der Teil geschafft und die nächste Grenze zu Nicaragua in Guasaule erreicht. Schnell einige Helfer abgeschüttelt, hier wussten die Helfer schon Bescheid, wie das mit den Deutschen läuft. Immer, wenn sie merkten, dass wir aus Deutschland kommen zuckte Enttäuschung über ihre Gesichter und ein resigniertes „ah, alemanes“  brachte wohl zum Ausdruck, dass unsere Landsleute ganz gut selbst über die Grenze kommen. Neben den wichtig aussehenden Ausweisen hatten die „Helfer“ hier zusätzlich auch noch hellblaue Poloshirts mit selbstaufgestickten Applikationen an und sahen den Spielern einer Gerümpelturnier-Fussballmanschaft nicht unähnlich. Einer recht einfachen und schnellen Abmeldung des Fahrzeuges und unserer selbst aus Honduras folgte unser vorläufiges Highlight bezüglich unserer Begegnungen mit der Polizei.

Zwischen den beiden Ländern spannt sich eine Brücke über ein Flüsschen und davor lauert die letzte Bastion des honduranischen Polizeiapparates – ein einsamer Polizist, von der Hitze zur Tat gezwungen und auf der Lauer nach dem letzten Vergehen auf hoheitlichem Gebiet. Was kommt da passender als eine nette Familie mit unangeschnalltem Fahrer und rumturnendem Kind auf der Beifahrerin? Erstmal Fenster runter und Motor aus, das würde länger dauern. In aller Ruhe erklomm der Polizist die Leiter an der Fahrerseite und hängte sich bequem mit dem Ellenbogen an der Tür ein. Er machte mich auf unsere Vergehen aufmerksam und flüsterte etwas von einer Strafe, danach erholte er sich erstmal für einige Atemzüge von dem anstrengenden Aufstieg zum Fenster. Klar war, dass wir nun zur Rechenschaft gezogen würden. Mit meiner Führerscheinkopie in der Hand und meiner Beteuerung, dass ich ihm das Original nicht geben werde wurde das Strafmaß festgelegt – für beide Vergehen zusammen 86US$. Huiuiui, erstmal tief durchatmen. Ganz nebenbei versuchte ich wieder den Biertrick, doch er meinte, dass ihm das Bier nicht schmecke, man die Sache aber auch anders regeln könne. Plötzlich hatte ich 30$ in der Hand und meinte, durch die tiefschwarzen Gläser seiner Ray Ban Sonnenbrille ein blitzen erkennen zu können. Das Geld wechselte erstmal seinen Besitzer, doch wir waren alle nicht so ganz zufrieden. Mittlerweile beschwerte sich Robert lautstark über die Verfrachtung in seinen Autositz und ich erzählte dem Polizisten etwas von Hitze, Reisebudget und seinen Kollegen in anderen Ländern. Das musste sich erstmal setzen, in Zwischenzeit wurde auch noch eine Honigmelone überreicht, ein vorbeifahrender Laster kannte wohl die „harte“ Währung. Nachdenklich stirnrunzelnd, die Melone zwischen Bauch und Fahrertür und die Mütze tief im Gesicht entschied sich der gewissenhafte Gesetzeshüter, in die Offensive zu gehen und dem Geld einen Verwendungszweck zu geben. Er schlug vor, gemeinsam zur Tankstelle zu fahren und für 30$ das Polizeiauto zu betanken. Aha, nun war zumindest klar, dass es nicht um die Finanzierung der Ray Ban Brille ging. Aber musste nicht eine zweite her, für weniger sonnige Tage? Warum waren wir nochmal hier? Egal. Also nahm ich den Ball an und meinte, dass sei ja ein ziemlicher Aufwand, zur Tankstelle fahren und so weiter. Wie es denn mit 15$ wäre, damit er seine Familie zum Essen ausführen könnte? Ups, da fiel sogar die Melone runter und verschwand unterm Auto. Ein wenig Bedenkzeit später gab er mir erstmal die 30$ zurück und ich konnte ihm wiederum 15$ zurückgeben. Jetzt waren alle wieder zufrieden. Bis auf Robert, dem passte das gar nicht. Das fand der Polizist dann auch nicht fair und wollte unbedingt, dass Tanja ihn wieder auf den Schoß nahm, das sei ja schließlich viel besser fürs Kind. Aber da blieben wir hart, wer weiß, was ihm sonst noch eingefallen wäre, wir hatten den Grund für die 15-minütige Pause noch nicht vergessen. Nach einer sehr netten Verabschiedung verschwand er zur Melonenbergung noch kurz unterm Auto um dann glücklich dem Feierabend und hoffentlich einem guten Abendessen entgegenzuradeln. Und wir durften über die Brücke nach Nicaragua.

Hier lief dann alles recht unspektakulär ab, abgesehen von einer plötzlichen Schalterschließung und einer Begrüßungsgebühr in Nicaragua von 12US$ pro Pass (Fragen nach einer Quittung führen zu roten Köpfen bei den Beamten) gab es nur eine große Überraschung. Die Fahrzeugeinfuhr war gratis, es wurden keine Kopien benötigt und das Auto wurde lediglich aus der Ferne begutachtet. Das war richtig flott und einfach. Nach nur (!) zwei Stunden hatten wir diese Grenze auch geschafft und machten uns etwas erledigt auf nach Somatillo, wo wir unsere erste Nacht in Nicaragua verbrachten. Nun sind wir gespannt, ob die Polizei hier ihrem schmierigen Ruf auch gerecht wird.

Abgesehen von vielen Kopien hatten wir uns auf die Grenzübergänge nicht groß vorbereitet. Im Internet gibt es diverse Berichte anderer Reisender und jeder hat andere Erlebnisse, man könnte tagelang lesen und vorbereiten. Wir geben uns dem Grenzabenteuer einfach voll und ganz hin und nehmen es mit einer guten Prise Humor, wie es eben kommt. So macht es dann richtig Spaß, mit den Helfern einen kleinen Smalltalk zu führen und witzige Bemerkungen bei den Grenzbeamten fallen zu lassen. Am Ende lachen alle und man geht mit einem guten Gefühl weiter, dauert halt alles seine Zeit und der Hase läuft etwas anders als wir das von Mitteleuropa gewöhnt sind. Was auch immer an der Grenze passiert – in der Ruhe liegt die Kraft!

One Thought on “Ein Tag, zwei Grenzen, drei Länder

  1. Hallo ihr vier, habe gerade viel und herzlich lachen können! Unglaubliche Geschichten! Respekt, dass ihr das alles so gelassen nehmt:)
    Wünsche euch weiterhin soviel Geduld und Humor!
    Viele Grüße kerstin

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