Cordillera Huayhuash

Bereits auf den letzten Metern in der Cordillera Blanca leuchteten uns die steilen Gipfel der Cordillera Huayhuash (sprich: Waiwasch) entgegen. Über einem majestätisch kreisenden Kondor ragten die wilden Zacken in den blauen Himmel – ein gutes Vorzeichen für die bevorstehenden Abenteuer. Durch einsame Dörfer und entlang abgeschiedener Fincas näherten wir uns der wilden Ostseite der Cordillera Huayhuash. Eine stille Nacht direkt neben heißen Quellen (die bereits die Inkas benutzen) und unheimlich freundliche Menschen machten die Reise auf den schmalen Pisten zum Genuss.


In Queropalca, einem kleinen Bergdorf, angekommen, lernten wir beim Mittagessen Ivan kennen. Er bot sich uns als Eselstreiber und Koch für die kommenden Tage an, wir hatten nämlich vor, mit Sack und Pack durch die Berge zu wandern. Schnell war alles geklärt und wir packten am nächsten Morgen viel Gepäck auf zwei Esel. Ein weiterer Esel diente zum Kindertransport und Ivan schnürte Robert und Carla gut darauf fest. Nach einigen Stunden erreichten wir die Laguna Carhuacocha (Robert zog mittlerweile den elterlichen Trageservice vor), einem großen Bergsee unmittelbar unterhalb der höchsten Huayhuashgipfel. Sofort war uns klar, warum dieser See als einer der schönsten des Kontinents gilt, wir waren von dem Anblick verzaubert. Die noch viel größere Überraschung war, dass wir Tanjas Schwester Natalie wieder trafen. Wir wussten zwar, dass sie die Umrundung der Cordillera Huayhuash vorhatte, dass wir uns jedoch zufällig unterwegs treffen würden hätten wir gar nicht besser planen können. Sie war zusammen mit Mathias (der Koch ist) und deren Eselstreiber unterwegs und als es ans Essenkochen ging waren wir froh darum, denn unsere Koch stellte sich als Nichtkoch heraus (er tat völlig überrascht, dass er sich ums Essen kümmern soll, dabei hatten wir das am Vortag fest abgesprochen). So disponierten wir schnell um und ich übernahm den Spontankochpart und dank der Hilfe von Natalie, Mathias und deren Kochzelt ging das dann alles gut aus und wir hatten ein feines Abendessen.
Wir hatten uns eine der besonders schönen Wanderungen der Gegend ausgesucht, entlang kleiner Gletscherseen führte der Weg unmittelbar unter den steil aufragenden Eiswänden der 6000er Jirishanca, Yerupaja und Siula (letzterer bekannt aus dem Bergsteigerepos „Sturz ins Leere“) entlang und schraubte sich erbarmungslos auf einen 4850m hohen Pass. Leider war diese Tagesetappe für die Esel zu steil und so durften sich Robert und Carla über einen ausgiebigen Trageservice und wir und Natalie uns über besonderen Höhensport freuen. Belohnt wurden wir mit blauem Himmel, krachenden Eislawinen und fesselnden Blicken auf die unnahbaren Riesenwände der hoch aufragenden Berge. Der Abstieg nach Huayhuash war dann zwar nicht mehr weit, zog sich aber am Ende etwas in die Länge. Hier erwarteten uns unsere Arrieros mit aufgebauten Zelten, Mathias hatte bereits eine warme Suppe gekocht und gemeinsam kochten wir ein leckeres Abendessen.
Dank Natalies Geburtstag gab es am nächsten Tag ein ausgiebiges Frühstück, nach dem wir uns wieder auf den Rückweg nach Queropalca machten. Natalie zog mit ihren Gefährten weiter um die Huayhuash und wir wanderten, diesmal wieder mit tierischer Hilfe, über einen etwas niedrigeren Pass zurück ins Carhuacochatal. Dort zelteten wir nochmals und genossen in Ruhe die majestätischen Berge.

Während unserer gemeinsamen Zeit mit Ivan haben wir uns über alles Mögliche unterhalten, unter anderem auch über die lokalen Gebräuche und Spezialitäten. Nachdem unsere Kochvereinbarung gescheitert war, uns Ivan aber begeistert von der Zubereitung einer besonderen Speise Namens Pachamanca erzählt hatte, bekam er eine zweite Kochchance und wir stiegen gespannt nach Queropalca ab. Dort erwartete uns bereits ein frisch geschlachtetes Lamm, welches nur für uns bestimmt war. Zusammen mit seiner Ehefrau und uns als interessierten Zuschauern wurde das Lamm zerstückelt, eingelegt und zusammen mit weiteren Zutaten bereitgestellt. Während das Fleisch zog entspannten wir uns in den nahegelegenen heißen Quellen, die für peruanische Verhältnisse erstaunlich sauber waren. Kaum zurück, schichtete Ivan Steine auf eine besondere Weise auf und machte in einem tiefen Loch darunter ein großes Feuer, wodurch die Steine heiß wurden. Als die richtige Temperatur erreicht war, wurde die zuvor kunstvoll errichtete Steinkonstruktion zerstört und die Steine fielen in das Loch. Nun kam das Lamm an die Reihe, die Stücke wurden direkt auf die heißen Steine gelegt, mit weiteren heißen Steinen bedeckt und darauf kamen Kartoffeln und Kochbananen. Alles wurde mit Moospolstern, Hafer, zuletzt Folien und darauf Erde abgedeckt und für 25 Minuten in Ruhe gelassen.
Schnell war der Haufen abgetragen und es begann herrlich zu duften. Binnen weniger Minuten hielten wir ein große Schüssel köstlich riechendes Lammfleisch und einen Eimer Kartoffeln und Bananen in Händen. Welch ein Schmaus! Wir konnten vom feinen Fleisch gar nicht genug bekommen, zum Glück reichte das Lamm für einige Tage und so hatten wir noch lange Zeit eine köstliche Erinnerung an die eindrucksvollen Tage in und um Queropalca. Nach unserer Zeit in dem kleinen Dorf waren wir natürlich jedem bekannt und wurden herzlich verabschiedet, wir hatten uns hier richtig wohl und willkommen gefühlt.

Uns stand ein früher Start bevor – unsere weitere Route führte uns durch eine einsame Gegend auf einer sehr wenig befahrenen Piste zur höchstgelegenen Mine Perus, der Mina Raura, auf fast 5000m. Da einige sehr arme Dörfer an der Strecke liegen und es Nachmittags und Abends gelegentlich zu unschönen, vermutlich alkoholbedingten Vorfällen kommt folgten wir dem Ratschlag der Einheimischen und fuhren während der sicheren Morgenstunden durch diese Gegend und erreichten wohlbehalten die sichere Mine. Entlang der Strecke hatten wir nochmals tolle Blicke auf die Cordillera Huayhuash, die Laguna Lauricocha (hier wurden die ältesten Gebeine des Kontinents gefunden) und den jungen Rio Maranon. In einer rauen Hochgebirgsumgebung nahe einiger Gletscher arbeiten in Raura fast 2000 Mineure an der Gewinnung von Kupfer, Zinn und Blei. Aus den hochgelegenen Gletschern entspringt der Rio Maranon, der längste Quellfluss des Amazonas. So gesehen haben wir es an die Quelle dieses Riesenflusses geschafft, eine tolle Vorstellung. Ab der Mine wurde die Piste dann deutlich breiter, jedoch aufgrund der hohen Lastwagenfrequenz auch deutlich schlaglochreicher. Was ja nicht so schlimm gewesen wäre, hätte ich mir morgens nicht beim befüllen unserer Wasservorräte eine schmerzhafte Blockade im Rücken zugezogen. Es half nicht, ich musste da durch und Tanja manövrierte und möglichst sanft nach Oyon, wo wir erstmals einen „Puesto de Salud“ aufsuchten. Dank einiger Tabletten war die Weiterreise gesichert und auf hohen, aussichtsreichen Pisten erreichten wir an nächsten Tag die Hauptstraße in Cerro de Pasco, einer gesichtslosen Minenstadt, die nicht zum Verweilen einlädt. Nach einer letzten Nacht in der Höhe (wir waren seit gut zwei Wochen nicht weit unter 4000m gewesen) freuten wir uns auf einige Ruhetage in Tarma. Doch die letzten 20km, die uns dorthin fehlten waren die schwersten: kurz vor Tarma war die Straße für drei Stunden gesperrt und so versuchten wir es über ein Piste, die jedoch wieder kurz vor Tarma wegen einer Baustelle bis zum Abend gesperrt war. Also sind wir wieder über den Berg und schnell zurück zur ersten Sperrung, wo wir pünktlich zur Straßenöffnung ankamen, jedoch aufgrund der chaotischen Baustelle noch einiges an Geduld haben mussten, bis wir am Ziel waren. Auf einer wunderschönen Hacienda genießen wir nun höhere Temperaturen, heilsame Massagen und viel Platz zum Erholen und Spielen. Meine eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten erlauben es mir von den letzten Wochen zu berichten, während Tanja sich umso mehr bewegt und die Wäsche der letzten zwei Wochen per Hand wäscht. Schmerzfreie und frisch erholt werden wir uns bald für einige Tage von der gewaltigen Bergwelt verabschieden und Richtung Küste losziehen.

Hier gibt es mal wieder Privatfotos.

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