Chile und Argentinien

An unserem ersten Tag in Chile verwöhnten wir uns mit drei dringend benötigte Sachen: Duschen, Wäscheservice und Internet. Das Altiplano hatten wir als unser letztes Reisehighlight im Kopf und so buchten wir, dort angekommen, auch tatsächlich gleich die Rückverschiffung für Mitte September und planten, wie wir die verbleibenden Wochen verbringen würden. Chile, das stand fest, würden wir nur ein paar Tage erleben können. So genossen wir die Ferienstimmung im netten touristischen Dörfchen San Pedro de Atacama, staunten über die vergleichsweise schick gekleideten Menschen und noch mehr über die hohen Preise. Im nahen Valle de Luna sahen wir uns einige schöne Stein- und Salzformationen an und fuhren dann wieder in die Berge. Auf dem Weg zum Paso de Sico, der uns nach Argentinien bringen würde, fuhren wir am extrem windigem Nationalpark Los Flamencos vorbei, wo sich Vulkane vor tiefblaugrünen Seen erheben. Auf dem Pass befanden wir uns landschaftlich wieder im Altiplano und bestaunten einige weitere einzigartige Lagunen, Felsen und Berge. Eine Augenweide, die zum Verweilen einlädt, wenn es doch nur nicht so kalt und windig auf über 4000m wäre! So landeten wir abends doch noch an der Grenze zu Argentinien und verbrachten die Nacht im einsamen Hochland vor dem einzigen Gebäude weit und breit, der Zollbehörde. Was für ein Kontrast zu den lebhaften und chaotischen Grenzübergängen in Mittelamerika, wo wir nicht eine Sekunde länger bleiben wollten als nötig!

Nach über 200km durch die Wüste des Hochlandes erreichten wir das erste Städtchen, wo es aber weder einen funktionierenden Geldautomaten noch Wechselstuben gab. Wie gut, immer genug zu Essen im Auto zu haben und wild campieren zu können. Auf einer abwechslungsreichen Fahrt entlang der berühmten Ruta 40 (sie führt von Norden Argentiniens bis nach Patagonien und ist mit über 5000km Länge die längste Straße der Welt) überwanden wir einen weiteren fast 5000m hohen Pass und übernachteten schließlich in einer grandiosen Landschaft mit roten Felsformationen und Riesenkakteen – wir fühlten uns in den Wilden Westen der USA zurückversetzt. Klimatisch gesehen haben wir nun nach einem Jahr die Tropen verlassen und sind in den letzten Winterwochen bzw. ersten Frühlingswochen der Südhalbkugel gelandet. Doch für uns fühlte es sich sogar an als wären wir im Hochsommer, denn direkt aus dem eisigen Hochland kommend erwischten wir die erste warme Woche des Jahres. Praktischerweise befanden wir uns zudem in einer der berühmtesten Weingegenden Argentiniens, gutes Fleisch gibt es sowieso an jeder Ecke und die Campingplätze sind mit riesigen Grills ausgestattet. Gut gesättigt saßen wir sowohl in Cachi als auch in Cafayate abends noch lange mit Natascha und Michi draußen. Welch Genuss nach den frühen Abenden im Altiplano, wo sich alle schnell in die Autos zurückziehen mussten! Und wir mussten schnell den Worten anderer Reisender zustimmen, dass man in Argentinien nicht unter einer Flasche Wein pro Abend davonkommt.

Auf dem weiteren Weg auf der Ruta 40 gen Süden besuchten wir einige Bodegas (Weingüter), grillten so manchen großen Lappen Fleisch und verzehrten unzählige Empanadas. Wir kämpften uns durch so manchen Sandsturm (der Föhnwind heißt hier Zonda und wirbelt alles auf, was nicht Niet- und Nagelfest ist) und erreichten schließlich die heißen Quellen von Fiambala, wo wir in einer Kaskade von wundervoll warmen Becken badeten, die von einem über 40°C heißen Fluss gefüllt werden. Ein schöner Ort für den Abschluss der ausgezeichneten Reisezeit mit Natascha und Michi. Nach etwa sechs gemeinsamen Wochen trennten sich dort unsere Wege, da sie zurück nach Chile fuhren und wir nach Mendoza aufbrachen. Aufgrund einer Baustelle auf der Ruta 40 mussten wir einen Umweg von über 300km in Kauf nehmen, um dennoch auf der Piste im Hinterland weiter fahren zu können. Auf dieser Strecke und auch der nördlicheren Gegend Argentiniens kam es uns so einsam vor wie fast nirgendwo sonst auf der ganzen Reise. Auf unserem Weg lagen zwei Nationalparks, die wir jedoch aufgrund der hohen Eintrittspreise und der vorgeschriebenen Durchfahrt, nur im Konvoi, ausließen. Das noch vor einigen Jahren größte astrophysikalische Teleskop im Nationalpark Leoncito ließen wir uns jedoch nicht entgehen. Dort trafen wir zufällig wieder auf die Australier Elisabeth und John, die wir schon aus Cusco und La Paz kannten. Gemeinsam genossen wir einen wunderschönen Sonnenuntergang mit Andenpanorama bei lecker gegrillten Steaks, reichlich Wein und guten Gesprächen.
Als letzten Genuss der andinen Bergwelt hatten wir uns nun noch den 6959m hohen Aconcagua aufgehoben, den höchsten Berg des Kontinentes. Sein Gipfel war wolkenverhangen und der Sturm tobte, aber wir kamen ihm sowieso nicht näher als vom Aussichtspunkt nahe des Passes nach Chile – ein weiteres Mal auf der Reise, dass wir uns sagten, wir müssten in ein paar Jahren nochmal her, entweder mit fitten, bergbegeisterten Teenagern oder eben ohne Kinder.

Von da an ging es nur noch bergab, allerdings nur topographisch, nicht moralisch. Wir verabschiedeten uns von den Anden bei einer schönen Fahrt auf der aussichtsreichen Piste von Uspallata nach Mendoza. Dort wurden wir von der Familie meiner deutsch-argentinischen Freundin Irene gleich herzlich in Empfang genommen. Wir bekamen von ihnen ein feines Mittagessen und am nächsten Tag ein typisches Asado (massenhaft Fleisch vom Grill), dazu gab es natürlich feinen Wein und jede Menge Tipps für Sehenswertes rund um Mendoza. Doch allzu viel davon konnten wir gar nicht umsetzen, denn der Campingplatz, auf dem wir übernachteten, füllte sich mit guten alten Bekannten. Neben Elisabeth und John kamen überraschend Natascha und Michi, Bigi und Flo und schließlich auch noch Anke und Wolfgang an, die wir vor einigen Tagen bei einer Mittagspause kennengelernt hatten. Wir machten es uns mit den anderen gemütlich, sahen uns die angenehme Stadt an und gingen einkaufen. Bis auf Wein und Rindfleisch ist es hier nicht besonders billig, aber auf dem Schwarzmarkt ist der Dollar 40% mehr wert als offiziell und daraus ergibt sich für uns ein super Preis-Leistungsverhältnis. Was für ein Kontrast Argentinien doch zu den anderen Ländern ist, die wir in den Monaten zuvor bereist haben. Es ist viel moderner, es gibt keine bunten und lebhaften Märkte mehr, sondern riesige Supermärkte der bekannten weltweiten Ketten, die Straßen sind nicht mehr voller Tuktuks oder Colectivos und man muss sehr geduldig sein, um ein Taxi zu erwischen (außer man ruft es sich per Telefon). Dazu kommt, dass in der Zeit zwischen 12 Uhr und 16 Uhr die Geschäfte alle geschlossen haben und Siesta gemacht wird. Tote Hose in der Stadt genau zu der Zeit, die für uns am praktischsten ist, denn bis wir morgens loskommen ist es schon Mittag und am späten Nachmittag haben die Kinder keine Lust mehr auf Spaziergänge.

Nach unserem schönen Besuch in Mendoza (nochmal herzlichen Dank an Walter, Armando und all ihre Familie!) ließen wir es nach Osten ausrollen, auch gedanklich. Nach zwei langen Fahrtagen durch die Ebene – vorbei an endlosen Weiden, Feldern und vereinzelten Bäumen – legten wir eine Pause im sehr entspannten und pittoresken Städtchen San Antonio de Areco ein. Die mit Liebe restaurierten alten Gebäude, ansprechend gestalteten kleinen Geschäfte und die Freundlichkeit der Einwohner gefielen uns gut. Und im Gauchomuseum lernten wir noch etwas über das Leben der argentinischen Cowboys, die es heute auch immer noch gibt. In San Antonio selbst scheint kaum jemand arbeiten zu müssen, überall trifft man Leute mit Zeit an. Wir fuhren zufällig am Haus des Mannes vorbei, bei dem ich am Vortag einen Gürtel kaufte, und er lud gleich uns auf einen Kaffee ein. Kurz darauf trafen wir auf einen weiteren Bekannten vom Vortag und nahmen ihn auf seine Bitte hin spontan an die Grenze nach Uruguay. So kam es, dass wir die ganze Strecke dorthin noch am Nachmittag fuhren (nicht ohne noch schnell den Bremach mit einigen guten Flaschen argentinischen Rotwein vollgeladen zu haben) und von den Beamten Vorort gebeten wurden, nicht vor der Grenze zu übernachten, sondern auch gleich nach Uruguay einzureisen. Und so befinden wir uns nun, zwei Wochen vor Heimreise, im siebzehnten und letzten Land unserer großen Reise.

Hier sind die Privatbilder unserer Zeit in Chile und Argentinien.

2 Thoughts on “Chile und Argentinien

  1. Andreas PEISSER on Samstag, der 13. September 2014 at 16:27 said:

    Alles gute euch 4 in den letzten tagen dieser grandiosen zeit. Eine kurze auszeit zuhause zum batterieaufladen, und hura die gams kann das vagabundenleben weitergehen.
    Mapatoclaya

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