Bolivien

Schon auf den letzten Metern durch Peru wurden die Blicke auf den Titicacasee immer besser und kaum in Bolivien angekommen, erschien uns der See tatsächlich als das vielbeschriebene Meer der Anden – eine endlos weite Wasserfläche und dahinter entweder blauer Himmel oder die schneebedeckten Berge der Cordillera Real. Unser erster Stopp in Bolivien war denn auch gleich der untypischste, das Feriendörfchen Copacabana war von Touristen derart überflutet, dass kein rechtes Boliviengefühl aufkommen wollte. Ein toller Schlafplatz am See mit Blick auf ein großes Gewitter sowie die verschneiten Berge am frühen Morgen stimmten uns dann aber gut auf die folgenden Wochen in einem spannenden Land ein. Zum Abschied wurde unser Auto geschmückt und gesegnet, da die Jungfrau von Copacabana Autofahrern Schutz gewährt. Beim einheimischen Fahrstil ist dies sicherlich angebracht.


Die letzten Ruinen unserer Reise waren zugleich die ältesten des Kontinents, in Tiwanaku sind die Überbleibsel eine Kultur zu bestaunen, die lange vor den Inkas das Altiplano besiedelte. Viel ist darüber nicht bekannt, die alten Mauern sind aber schön anzuschauen und bilden zusammen mit den umliegenden Bergen ein harmonisches Bild nahe der Millionenstadt La Paz. Entsprechend schnell ändert sich das Bild, gerade noch umgeben von friedlichen Bergen und Ruinen taucht man binnen Minuten in den höchsten Randbezirken von El Alto in die harte Realität ein. Auf über 4000m leben hier die ärmsten Bolivianer, auf der Suche nach einer Zukunft in der Großstadt stranden sie in dieser eigentlich lebensfeindlichen, staubigen Umgebung. Zwischen Müllbergen, Öllachen, lebhaften Märkten und halbfertigen Gebäuden bahnen sich breite, verstopfte Autobahnen ihre Wege hindurch nach La Paz, eine Bewährungsprobe für Autofahrer und gleichzeitig ein tiefer Einblick in einen sozialen Brennpunkt mit erstaunlich friedlicher Atmosphäre.
Die Ausblicke von El Alto auf die Innenstadt von La Paz sind gewaltig, wie eine Lawine scheinen die Häuser in den Talkessel zu stürzen, überragt vom Eisriesen Illimani. Hier verbrachten wir ein paar Tage zusammen mit neuen und alten Reisebekanntschaften und feinem Essen im schweizer Restaurant beim Campingplatz. Auf einsamen Pisten fuhren wir in die Höhen der Cordillera Real, bis uns auf 5000m Schnee den Weiterweg versperrte. Die Aussichten waren wunderschön, vom blauen Titicacasee über weiße Gletscher bis in die endlose Weite des Altiplanos in bekannte und noch zu erkundende Gegenden. Bevor es aber weiter in der Höhe ging machten wir einen Abstecher in die Yungas, den tropischen Osthang der Anden.

Die aus zahllosen Dokumentationen bekannte „Todesstraße“ führt vom La Paz über einen 4700m hohen Pass hinunter nach Coroico, wobei der tiefste Punkt der Strecke auf knapp 1100m liegt. Mittlerweile gibt es eine neue Straße, so dass die alte Schotterpiste heute eigentlich nur von Radfahrern und einigen wagemutigen Reisenden befahren wird. Die Fahrt hinunter genossen wir dann umso mehr, kaum Verkehr, eine bestens instandgehaltene Piste und schöne Ausblicke machten vor allem Spaß. Mit entsprechende Kameraführung und wilden Geschichten mag der tödliche Mythos noch leben – dank der neuen Straße, eines soliden Untergrundes und einer angenehmen Breite von mindesten 3,5m ist diese Piste vor allem eine schöne Variante auf den Weg in den Dschungel. Kaum unten angekommen empfingen uns fiese Sandfliegen und schnell waren wir wieder oben in den Bergen, an die wir uns mittlerweile so gut gewöhnt hatten.

Unser erstes Mal Tanken in Bolivien war besonders spannend, da es in Bolivien zwei Preise gibt – einen Bolivianerpreis und einen Touristenpreis, der dreimal höher ist. Ganz ungewohnt, handelten wir an der Tankstelle erstmal den Preis aus. Tanken wir als Tourist nämlich ohne Rechnung, so kann der Tankwart den Differenzbetrag zwischen Bolivianerpreis und tatsächlich gezahltem Betrag als „Trinkgeld“ kassieren. Die Verhandlungsbasis bezieht dabei auch die Anzahl der anwesenden Angestellten und eventuell einen Polizisten mit ein. Wir hatten bereits von anderen Reisenden ausgiebige Instruktionen erhalten und so handelten wir unseren persönlichen Spritpreis aus. Das funktionierte immer gut, vorausgesetzt, die Tankstelle war nicht mit Kameras ausgestattet. Diese, etwas moderneren Tankstellen, können sich diese Praxis aufgrund staatlicher Überwachung nicht erlauben.
Nach einer weiteren Nacht in La Paz machten wir uns auf den Weg in den Sajama-Nationalpark. Der höchste Berg Boliviens ist ein erloschener Vulkan und umgeben von kleinen Dörfchen und heißen Quellen inmitten des Altiplanos. Nach einer eisig kalten Nacht genossen wir ein ausgiebiges Bad im heißen Wasser und die tolle Aussicht auf die hohen Vulkane der Umgebung. Die heißen Quellen auf über 4200m Höhe waren, was Aussicht und Lage angeht, mit die besten unserer gesamten Reise. Auf abgelegenen Pisten fuhren wir durch die endlose Weite der Andenhochebene bis wir Oruro erreichten, eine karge, raue Minenstadt. Noch wussten wir nicht, dass wir diese Stadt bald gut kennenlernen würden. Kaum hatten wir den Weg nach Sucre eingeschlagen, ertönte ein unheilvolles Geräusch aus den Tiefen des Antriebsstranges unseres Bremachs und schon kurz darauf hingen wir mit einem kapitalen Lagerschaden im Verteilergetriebe an der Abschleppöse des Landrovers unserer Freunde Natascha und Michi und waren auf dem Weg zurück nach Oruro. Glück im Unglück hatten wir dann doch, alle Ersatzteile waren in Oruro verfügbar und nach drei Tagen konnten wir uns auch auf den Weg über reizvolle Gebirgspisten nach Sucre machen. Nach diesen Tagen in einer typisch bolivianischen Werkstatt (winzig, vermüllt, mit Öllachen und eingepfercht zwischen Autowracks) in einer Großstadt auf fast 3800m mit einer brennenden Mittagsonne und eiskalten Nächten zog es uns wieder in eine freundlichere Gegend und Sucre erfüllte unsere Erwartungen. Fast schon europäisch anmutend, mit blühenden Bäumen, sauberen Straßen und angenehmem Klima war Sucre eine Erholung vom anstrengenden Klima des Hochlandes und den intensiven Erlebnissen entlang des Weges durch Bolivien. Dank des bolivianischen Nationalfeiertages waren viele Institutionen und Läden geschlossen, so dass wir in Ruhe das Flair der Stadt genossen – immer wieder unterbrochen von Defiliermärschen, für die auch schon eine Woche vor dem eigentlichen Feiertag regelmäßig am Originalschauplatz geübt wurde. Mit zugehörigem Verkehrskollaps und kompletten Erliegen des Geschäftslebens, alles völlig normal.

In der nächsten Stadt, Potosí, waren wir nicht so lange. Zwar wurden aus dem Hausberg bis dato über 40.000to Silber herausgeholt, in der Stadt ist davon aber heute nicht so viel zu sehen. Es gibt zwar viele Prachtbauten vergangener Zeiten (obwohl auch schon damals, im 17. Jahrhundert, ein Großteil des Silbers nach Spanien transportiert wurde), heute verschwindet der wenige Reichtum, den der ausgebeutete Berg noch herzugeben vermag, komplett in anderen Kanälen und Potosí bleiben kalte Winde und intensive Hochgebirgssonne. Kein Ort zum Verweilen, vor allem wenn der Salar de Uyuni verlockend nahe ist. Aufgrund unklarer Versorgungslage mit extra viel Diesel beladen erreichten wir das Wüstenstädtchen Uyuni, dass außer den umliegenden Naturwundern und einem Eisenbahnfriedhof nichts zu bieten hat und trafen einige andere Reisende. Fast schon als Reisegruppe fuhren wir auf den Salar – vier Autos, drei Familien und viel zu Essen versprachen einige gute Tage. Als Höhepunkt gab es leckeres Fondue Chinoise in unwirklicher Umgebung, zusammen mit tollen Sonnenauf und –untergängen sowie endlosen Aussichten ein ganz besonderes Erlebnis. Die Kinder bauten ganz geschäftig gemeinsam Salz ab, gruben Höhlen auf der Insel und die Erwachsenen hatten Spaß beim Erstellen lustiger Fotos. Während zahllose Tourgruppen über den Salzsee rasten, um möglichst viel in kurzer Zeit zu erreichen genossen wir unsere Zeit mit Muße und in Ruhe. Diese ganz besonderen Momente sind die Quintessenz einer Reise mit dem eigenen Fahrzeug, die Freiheit, besondere Momente ohne Einschränkungen genießen und erleben zu können.

Von Chile trennten uns nun noch fast 600km. Zwischen dem Salar de Uyuni und der chilenischen Grenze liegt eine der einmaligsten Landschaften Südamerikas, eine Wüste durchzogen von Seen, umgeben von schneebedeckten Vulkanen und bevölkert vom Vikunjas und Flamingos. Ein Netz von besseren und schlechteren Pisten durchzieht diese Gegend und ermöglicht so den Zugang zu dieser ganz besonderen Gegend. Dank unserer Geländefahrzeuge kein Problem und so schlugen wir zusammen mit Natascha und Michi sowie der Overlanding-Family diesen spannenden Weg ein. So abgelegen diese Gegend auch ist, in der Hochsaison fahren zahllose Touragenturen mit ihren vollbesetzten Landcruisern durch die Landschaft und zeigen ihren Gästen die Schönheit ihres Landes. Einsam ist es also nicht, doch mit ein wenig Abstand kann man, nur durch Kälte und beißenden Wind beeinträchtigt, die tolle Natur in vollen Zügen genießen. Dank unserer Dieselmotoren und der tiefen Nachttemperaturen war an einen frühen Start nicht zu denken und so blieb morgens viel Zeit für Spaziergänge, baden in heißen Quellen oder langes Frühstück. Frühestens um 11 Uhr ging es los (vorausgesetzt, man hatte am Abend so geparkt, dass die Sonne morgens auf Tank und Dieselfilter scheint), an der Laguna Colorada mussten wir gar die Tanks mit Campingkochern aufheizen, da die Sonnenenergie nicht reichte, um den Tankinhalt ausreichend aufzuwärmen. Neben der Hauptpiste gibt es zahlreiche Möglichkeiten, Abstecher mit tollen Aussichten zu machen und wir genossen die Vorteile unserer Allradautos. Als wir schließlich die Asphaltstraße in Chile erreichten hatten wir die schönste Offroadstrecke unserer Reise hinter uns, eine so beindruckende Landschaft über eine solche Ausdehnung hatten wir nirgendwo anders gesehen.
Nach vielen Wochen um die 4000m-Marke sind wir nun etwas tiefer und sind gespannt, was uns in Chile und Argentinien erwarten wird. Bolivien war aufgrund der Höhe und der harten klimatischen Bedingungen kein einfaches Reiseland, jedoch entschädigten unglaubliche Landschaften und die netten Bolivianer für jegliche Mühen. Außerdem gab es die bisher besten Brötchen auf der ganzen Reise, überraschend guten einheimischen Wein und einige ersehnte europäische Produkte in den Supermärkten der Großstädte. Wieder einmal sahen wir viele Vorurteile nicht bestätigt und so verbrachten wir mehr Zeit als geplant in diesem schönen Land.

Unsere privaten Bilder gibt’s mit dem üblichen Passwort hier zu sehen.

One Thought on “Bolivien

  1. Wieder einmal beeindruckende Bilder und ein interessanter Text. Wir freuen uns mit euch, dass ihr so viele Erlebnisse haben können, dass es euch gut gefällt und ihr bei guter Gesundheit seit. Alles Liebe aus Bremen eure Bannerts

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