Ab durch die Mitte

Nach den erholsamen Tagen in San Gil sind wir nach Villa de Leyva gefahren, ein angeblich ganz besonders sehenswertes Städtchen mit weißen Häusern. Schön war es tatsächlich, aber etwas zu touristisch nach unserem Geschmack. Allerdings blieben wir dennoch einige Tage, um unsere Bremse neu zu verkabeln, da der Bremskraftausgleich defekt war und in der Folge die Hinterachsbremse nicht mehr funktionierte. Zum Glück ein einfach behebbares Problem. In der Umgebung von Villa de Leyva gibt es einiges zu sehen, allerdings ist das meiste unverschämt teuer. Als Langzeitreisende weigern wir uns inzwischen, die hohen Touripreise zu bezahlen und suchen lieber nach Alternativen. Im Fossilienmuseum gab es Kronosaurierknochen zu bestaunen und unzählige Ammoniten, versteinerte Fische, Blüten und Bäume. Ab und zu etwas Bewegung schadet uns nicht und so machten wir eine kurze Wanderung zu den Cascadas la Periquera, wo es mehrere kleinere Wasserfälle schön im Wald gelegen gibt.

Unser nächstes Ziel waren die Smaragdminen von Muzo, was uns in eine ganz andere Welt führte und daher einen eigenen Blogeintrag verdient. Nach diesem ganz besonderen Abendteuer fernab der üblichen touristischen Pfade stürzten wir uns wieder in die Massen bei der angeblich meistbesuchtesten Sehenswürdigkeit des Landes, der Salzkathedrale von Zipaquira. Es ist die größte unterirdische Kirche der Welt, inklusive des größten unterirdischen Kreuzes, und wurde in eine Salzmine hineingebaut. Die dunklen Gänge sind schön beleuchtet und die Räumlichkeiten der Kathedrale selbst sind zusätzlich mit sanfter Musik beschallt. Der Höhepunkt für uns befand sich allerdings später bei den unterirdischen Souvenirläden, wo die Smaragde aus Muzo verkauft werden. In einem Stollen wurde das Dorf in kleiner und lachhafter Weise nachgestellt  - ob die Bewohner und Mineure wohl wissen, wie ihr Leben und Lebensinhalt nicht einmal 100km weiter den Touristenmassen gegenüber verkauft wird?

Erst als wir die Ortschilder sahen, fiel uns ein, dass Suesca einer der wenigen Orte in Kolumbien ist, wo man Klettern kann. Nichts wie hin! Wir durften auf einer Wiese übernachten, die am Wochenende als Parkplatz für die mehr als hundert Autos von Kletterern dient, die von nah und fern angereist kommen. Das Gebiet schaut auch wirklich attraktiv aus! Da jedoch nur die schwereren Touren eingebohrt waren und Max Rückenbeschwerden hatte, beließen wir es bei einem Vormittag Bouldern. Nach der langen Pause haben wir die sportliche Betätigung am nächsten Tag dennoch in unseren Unterarmen gespürt. Noch am selben Tag fuhren wir auf über 3000m, um uns die Laguna de Guatavita anzusehen, der die Legende des Eldorado entstammt. Carla marschierte den steilen Pfad in der dünnen Höhenluft tapfer und ohne Jammern entlang während Robert lieber den mütterlichen Trageservice in Anspruch nahm. Nach einer kühlen Nacht in der Höhe fuhren wir ins Tal zwischen der Aufspaltung der Andenkordilleren, wo uns in Armero-Guyabal die Hitze und Schwüle mit voller Wucht empfing.

Die wenigsten werden wissen, dass sich 1985 in Armero die viertgrößte Vulkankatastrophe weltweit ereignete: Gaseruptionen brachten den Schnee auf dem Vulkan Nevado del Ruiz zum Schmelzen und erzeugte einen riesigen Lahar (Schlammlawine), welcher die 70km entfernte Stadt Armero begrub und mindestens 23.000 Menschenleben forderte. Ein solcher Lahar hatte schon zweimal vorher das damals noch kleinere Städtchen erwischt, doch die Menschen bauten es in ihrem unerschütterlichen Gottvertrauen wieder auf, jedes Mal in der Hoffnung, dass ihr allmächtiger Beschützer so ein Unglück nicht nochmal zulassen würde. Nach dem unermesslichen Leid, welches der letzte Ausbruch hervorgerufen hatte, siedelte sich dort niemand mehr an und der Name Armero wurde an die Nachbarstadt Guyabal weitergereicht (nun Armero-Guyabal).

Nachdem wir uns die Überreste der Stadt angesehen hatten und ein Gefühl für das Ausmaß der Katastrophe erhalten hatten, fuhren wir langsam aber stetig den Vulkan hinauf, um zu sehen, was der Ausbruch für Spuren in der Landschaft gelassen hatte. Im kleinen Dörfchen Murillo, hoch oben auf dem Vulkan, erlebten wir während unserer Mittagspause noch ein ganz urtypisches Kolumbien, mit Lasteseln, Männern in Ponchos, bunten Häusern und liebenswerten Einwohnern. Die asphaltierte Straße endete alsbald und die nächsten Stunden quälten wir uns über eine ganz besonders holprige Piste. Die Landschaft entschädigte jedoch für jeden Schlag: eine unfassbare Weite, seltene Pflanzen und natürlich die eindrucksvollen Spuren des Lahars, wo er seinen Anfang nahm. Von unserem Stellplatz auf über 4000m konnten wir abends noch einen Blick auf den wenig vereisten Gipfel werfen und einige Rauchschwaden des momentan wieder geringfügig aktiven Vulkans erhaschen. Letzte Nacht hatten wir noch bei fast 30°C geschwitzt und heute erreichten wir die bisherige nächtliche Tiefsttemperatur von 8°C, da auch der Standheizung die Luft zu dünn war (auf dem Vulkan Orizaba in Mexiko hatten wir in ähnlicher Höhe übernachtet und keine Probleme gehabt). Dank warmer Schlafsäcke und Familienkuscheln (irgendwann wollten dann doch beide Kinder zu uns hoch) haben wir die Nacht aber alle ohne Bibbern überstanden. Um noch den letzten Rest der Kälte zu verjagen, haben wir uns am nächsten Vormittag ein Bad in den heißen Quellen Thermales del Ruiz gegönnt. Was für eine Wohltat!

Nun befinden wir uns mitten im Herzen der Kaffeezone von Kolumbien und staunen, wie viele Plantagen es allein entlang der Autobahn, passend ‚Autopista del Cafe‘ genannt, gibt. Nach ein paar Ausruhtagen in Salento sind wir erholt und bereit für neue Entdeckungen in diesem vielseitigen Land.

Einige Privatbilder der letzten Wochen gibt es hier  zu sehen.

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